Sven Johne  Nabel der Welt

21/05/2022 – 20/08/2022

Galerie Nagel Draxler
Elisenstraße 4–6
50667 Cologne

Opening / Eröffnung:
Freitag, 20. Mai 2022, 18 – 21 Uhr
Friday, may 20, 2022, 6 – 9 pm

Öffnungszeiten / Opening hours:
Mittwoch - Freitag 11 - 18 Uhr, Samstag 11 - 16 Uhr
Wednesday - Friday 11am - 6pm, Saturday 11am - 4pm

Press Release

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Ausgehend von der eigenen Biografie, beschäftigt sich Sven Johne (*1976 in Bergen auf Rügen) in seinen Fotografien und Videoarbeiten immer wieder mit den sozialen und ökonomischen Transformationen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Dem „Osten“ kommt dabei die Rolle einer „Modellregion“ zu. Exemplarisch sind hier für Johne „Strukturwandel“, „Privatisierung“, „Politikverdrossenheit“, „Vereinzelung“ oder „Rechtsruck“ sichtbar. Ein Phänomen namens „Neoliberalisierung“, welches wir auch aus dem US-amerikanischen Rust Belt, dem Norden Englands oder Teilen Frankreichs kennen.

Dabei changieren seine auf künstlerischen Feldforschungen basierenden Arbeiten zwischen Fakt und subjektivem Erlebnis, werfen Fragen nach Beweischarakter und Authentizität auf, spielen mit den gewohnten Darstellungsweisen der sozialen Dokumentarfotografie und ihren Lesbarkeiten. In der spielerischen Kombination von reportageartigen Texten und nüchtern anmutenden Fotografien, ergänzt und erweitert er deren dokumentarische Bedeutung um fiktionale Elemente und schafft so Raum für Assoziationen und die Erschaffung alternativer Mythen in Zeiten, in denen der globale Wandel in die Lebenswelten jedes Einzelnen drängt.

Nabel der Welt ist Johnes vierte Einzelausstellung in der Galerie Nagel Draxler. Die in der Ausstellung präsentierte gleichnamige digitale Collage basiert auf einer vierwöchigen Feldforschung des Künstlers in seiner ehemaligen Heimatstadt Sassnitz, die er vor dem Hintergrund der kontroversen Debatten um die von dort verlegte Erdgasleitung Nord Stream 2 unternahm. Nach der Drohung dreier republikanischer US-Senatoren von „vernichtenden Sanktionen, sollten dort weiterhin Schiffe für das russisch-deutsche Pipeline-Projekt Nord Stream 2 ausgerüstet werden“, geriet das Ostseestädtchen im Sommer 2020 mit einem Mal zwischen die Fronten großer Mächte – Fronten, die nach Auffassung von Johne, nicht nur zwischen den USA, Russland und Deutschland verlaufen, sondern auch innerhalb der EU (insbesondere zwischen Deutschland und Polen), zwischen Energieunternehmen und Umweltschützern, zwischen einem (eher pro-russischen) Ostdeutschland und einem (eher anti-russischen) Westdeutschland. Die Gespräche, die Johne in Sassnitz geführt hat, wurden zur Grundlage für die in der Arbeit versammelten Stimmen, die der Künstler als „Hilferufe“ angelegt hat und die in der Collage nach und nach „entdeckt“ werden können. Es wird sichtbar, wie zerrissen die Stadtgesellschaft ist – auch unabhängig von Nord Stream. Johnes Recherchen in Sassnitz und auf Rügen wurden ermöglich durch das VISIT - Artist in Residence Programm der E.ON Stiftung. Zum Projekt entsteht mit dem Drehbuchautor Sebastian Orlac ein umfangreiches Textbuch, geplant für Ende 2022.

Die an Sassnitz angrenzende Stubnitz und deren Kreideküste ist nicht nur ein Sehnsuchtsort der deutschen Romantik, sondern steht auch in enger Beziehung zur Familiengeschichte des Künstlers. In Johnes Film Vom Verschwinden / On Vanishing wird die Landschaft dieser Gegend aufgeladen mit den Tragödien des 20. Jahrhunderts. Wald, Küste und Meer werden zu metaphorischen Erinnerungsspeichern, gefüllt mit Angst, Krieg, Flucht und Gewalt. Im 21. Jahrhundert droht nun ein Aufbrechen dieses Speichers – hervorgerufen durch die Folgen der sogenannten Klimakrise. Johne fragt in „Vom Verschwinden / On Vanishing nach den gesellschaftlichen, vor allem aber persönlichen Folgen, wenn Meeresspiegel steigen und Küsten ins Meer stürzen, wenn also „Klimawandel“ individuell spürbar wird.

White Storm (Grandpa Tells a Story) konfrontiert uns mit 18 historischen Fotografien vom norddeutschen Katastrophenwinter 1978/79: von der Außenwelt abgeschnittene Orte, eingeschneite Züge, monströse Schneemassen. Schwarzweiß-Aufnahmen gehalten von Kinderhänden zeigen Panzer, Feldküchen und erschöpfte Soldaten. Auf der Textebene (Siebdruck über den Fotografien) „spricht“ zu den Kinderhänden jener „Grandpa“, offenbar einer der „Helden“ von damals. Aber der Adressat dieser Zeilen ist wohl nicht das Kind, sondern eine Generation, die sich längst im sicheren post-heroischen (und digitalen) Zeitalter wähnte.

In The Extinct Fisherman wiederum kommt ein ehemaliger Fischer zu Wort – ein Text der gemeinsam mit Fotografien von den Innenräumen eines stillgelegten Fischkutters Bestandteil einer digitalen Collage ist, die sich mit der Vereinzelung und Vereinsamung in der westlichen Gesellschaft beschäftigt. Mit einem Leben, das ebenso wie das Leben auf hoher See als lebensfeindlich und bedrohlich wahrgenommen werden kann.

Deutsche Bernsteinküsten hingegen beschäftigt sich mit den Hinterlassenschaften des 2. Weltkriegs in der deutschen Ostsee, mit Phosphor-Brandbomben. Hier schließt sich der Kreis zu Johnes neuem Film Vom Verschwinden / On Vanishing: „Ich stelle mir vor, dass das Meer ein Hirn ist. Alles spricht durch Bäume und Steine, durch Kreide und salziges Wasser. Alles ist hier gespeichert. Alles ist hier verborgen.“ (Textauszug aus dem Film).

Sven Johne wurde 1976 in Bergen auf Rügen geboren und ist dort aufgewachsen. Er studierte zunächst Germanistik, Journalistik und Namensforschung an der Universität Leipzig, um dann Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Timm Rautert zu studieren (1998-2004). Heute lebt und arbeitet Johne in Berlin.

Johne ist mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden, u.a. das Stipendium für Zeitgenössische Deutsche Fotografie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen. 2016 erhielt er den Kunstpreis der Akademie der Künste Berlin. Seine Arbeiten finden sich in renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen (u.a. Museum Folkwang, Pinakothek der Moderne, München oder MUDAM Luxemburg) und bilden gemeinsam mit diversen Ausstellungen (kürzlich im Kunstmuseum Stuttgart oder im Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen) die Grundlage für die künstlerische Anerkennung, die Johne genießt. Aktuell wird im Museum Morsbroich, Leverkusen, sein filmisches Werk vorgestellt.

 

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Emerging from the artist's biography his own biography, Sven Johne's (*1976 in Bergen auf Rügen) photographs and video works deal with the social and economic transformations in post-reunification East Germany. In this context, the "East" plays the role of a "model region". For Johne, "structural change", "privatization", "disenchantment with politics", "isolation", and a "shift to the right" are visible as examples. A phenomenon called "neoliberalization," which we know from the U.S. Rust Belt, the north of England, or parts of France.

His works, based on artistic field research, oscillate between fact and subjective experience, raise questions about the character of evidence and authenticity, play with the usual modes of representation of social documentary photography and its readability. In the playful combination of reportage-like texts and sober-looking photographs, he supplements and expands their documentary meaning with fictional elements, creating space for associations and the creation of alternative myths in times when global change is pressing into the life worlds of every individual.

Nabel der Welt (Navel of the World) is Johne's fourth solo exhibition at Galerie Nagel Draxler. The digital collage of the same name presented in the exhibition is based on the artist's four-week field research in his former hometown of Sassnitz, which he undertook against the backdrop of the controversial debates surrounding the "Nord Stream 2" natural gas pipeline laid from there. Following the threat by three Republican U.S. senators of "devastating sanctions should ships continue to be fitted out there for the Russian-German Nord Stream 2 pipeline project," the Baltic Sea town was suddenly caught between the fronts of significant powers in the summer of 2020. Fronts which, according to Johne, run not only between the U.S., Russia and Germany but also within the EU (especially between Germany and Poland), between energy companies and environmentalists, and between a (more pro-Russian) East Germany and a (more anti-Russian) West Germany. Johne's conversations in Sassnitz became the basis for the voices gathered in the work, which the artist laid out as "cries for help" and which can be gradually "discovered" in the collage. It becomes visible how torn the urban society is - also beyond "Nord Stream". Johne's research in Sassnitz and on Rügen was made possible by the VISIT - Artist in Residence Program of the E.ON Foundation. A comprehensive textbook is being written for the project with screenwriter Sebastian Orlac, scheduled for the end of 2022.

The Stubnitz and its chalk coast bordering Sassnitz is not only a place of longing for German Romanticism but is also closely related to the artist's family history. In Johne's film Vom Verschwinden / On Vanishing, the landscape of this area is charged with the tragedies of the 20th century. Forest, coast and sea become metaphorical memory stores filled with fear, war, flight and violence. In the 21st century, there is now a threat that this memory will return to life - caused by the so-called climate crisis. In "Vom Verschwinden / On Vanishing Johne asks about the social, but above all personal, consequences when sea levels rise and coasts collapse into the sea when "climate change" becomes individually perceptible.

White Storm (Grandpa Tells a Story) confronts us with 18 historical photographs of the catastrophic winter of 1978/79 in northern Germany: places cut off from the outside world, snowed-in trains, and monstrous masses of snow. Black-and-white shots held by children's hands show tanks, field kitchens and exhausted soldiers. On the text level (silkscreen over the photographs)"Grandpa", apparently one of those days' heroes, talks to the children's hands. However, the addressee of these lines is probably not the child but a generation that long ago imagined itself in the safe post-heroic (and digital) age.

In The Extinct Fisherman, on the other hand, a former fisherman has his say - a text that, together with photographs of the interior of a disused fishing boat, is part of a digital collage that deals with life in isolation and loneliness in Western society. With a life that -  as life on the high seas - can be perceived as hostile and threatening.

Deutsche Bernsteinküsten, on the other hand, deals with the legacies of World War 2 in the German Baltic Sea with incendiary phosphorus bombs. Here we come full circle to Johne's new film Vom Verschwinden / On Vanishing: "I imagine that the sea is a brain. Everything speaks through trees and stones, through chalk and salty water. Everything is stored here. Everything is hidden here." (Text excerpt from the film).

Sven Johne was born in 1976 in Bergen on Rügen and grew up there. He first studied German language and literature, journalism and name research at the University of Leipzig, then studied photography at the Leipzig Academy of Visual Arts with Timm Rautert (1998-2004). Today Johne lives and works in Berlin.

Johne has been awarded numerous prizes and scholarships, including the Scholarship for Contemporary German Photography from the Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Foundation, Essen. In 2016, he received the Art Award from the Academy of Arts Berlin. His works can be found in renowned public and private collections (including Museum Folkwang, Pinakothek der Moderne, Munich or MUDAM Luxembourg) and, together with various exhibitions (recently at Kunstmuseum Stuttgart or Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen), form the basis for the artistic recognition Johne enjoys. Currently, his cinematic work is presented at Museum Morsbroich, Leverkusen.