Lutz Braun  Lichtjahre

08/28/2010 – 09/25/2010

Eröffnung: Frietag, 27. August 2010, 19-22 Uhr
Opening: Friday, 27. August 2010, 7-10 pm

Press Release

Lutz Braun ist ein Zauberer geisterhafter Bilder, die auf einem subtilen Expressionismus basieren, der wiederum dem Realen entspringt. In seiner Bildgestaltung kehrt der Künstler zu einer Qualität zurück, die inmitten der virtuellen Grundlage seiner Generation der späten 90er Jahre als reproduzierte Wirklichkeit gewertet wird. Die bewusst undatiert gelassenen Arbeiten existieren also in einem vergangenen Zeitvakuum, frei von allen digitalen Dingen; gleichzeitig korrespondieren sie mit dem tief aufgewühlten, technokratischen Globalismus des Jahres 2010.
Mit seiner neuen Bilderserie Lichtjahre treibt Lutz Braun sein Konzept des 'Abstrakten Rea-lismus' mit Bildern, die seine Wahrnehmung von Realismus, Abstraktion und Zeit synthetisie-ren, voran. Hat der Künstler vorher noch von gefundenen Materialien wie Holz, Teppichen und anderen billigen Textilien oder synthetischen Stoffen als Malgrund Gebrauch gemacht, so ersetzt er dieses experimentelle Verfahren nun durch eine reine Malerei auf Leinwand. Es zeigt sich gewissermaßen ein Reifeprozess des Malers, der die Schwere der Geschichte der Malerei hinter sich lässt, indem er seine persönliche ikonoklastische Perspektive auf eine neue Ebene bringt.
In seinen Bildern schlummert stets eine unruhige Verbindung zwischen Natur und Mensch. Innerhalb des Abstrakten erblüht eine dürre Landschaft und eine explizite Zeichensetzung füllt die Darstellung mit allegorischen Referenzen an, die zum Beispiel auf Gewalt, eine ent-fremdete und emotional losgelöste Jugend, die Psychoanalyse, Träume oder die Philosophie der Frankfurter Schule (Fromm, Adorno) sowie das Unheimliche anspielen. Die fleckig aufge-tragenen, zarten und sinnlichen Farben verlaufen im dichten Gewebe der Leinwand.
Verbrannte Wälder inmitten eines winterlichen Bergpanoramas verströmen den Eindruck einer naturalistischen Romantik, wenngleich mit einer weniger gefühlsgeladen Gestik als die der 'Angst' des abstrakten Expressionismus. Ein einfach und verprügelt aussehender Junge umklammert inmitten eines braunen abstrakten Geflechts eine AK47, während in der Entfer-nung ein Feuer lodert. Eine strohbedeckte Hütte, ein Grabstein und angedeutete Holzba-racken in einer einsamen Landschaft, überzogen von rußigen, graublauen Linien und dün-nen schwarzen Strichen, werden mit einer Monochromie aus kühlen und warmen Pinktönen unterlegt.
In einer solch narrativen Vergessenheit wird eine geisterhafte Präsenz spürbar. Es erscheint eine geistige Ebene, auf der sich vielleicht die Schmerzen der verschwundenen Alten Welt oder der psychisch kalte Schweiß eines wiedervereinigten Deutschlands zeigen, das sich als zentraler Akteur innerhalb des alten Europas zitternd versteckte, welches sich wiederum nun zu einem Superstaat zusammengeschlossen hat.
Die Freiheit und die Individualität eines Revolutionärs romantisierend, vertraut Lutz Braun seinem eigenen Erinnerungsvermögen, um die mit Klischees behafteten Malstile zu über-winden. Durch den Kunstgriff der narrativen Erfindung drückt er unsere unbewussten, mit Furcht beladenen Ängste aus. Subtil lehnt er die falschen Werte der Konsumkultur seiner Generation ab, indem er die Kehrseite, nämlich die Desillusionierung und Ernüchterung, ein-hergehend mit einem aufkeimenden globalen gesellschaftlichen Feudalismus, aufzeigt.
Für die neu aufkommende Folklore des 21. Jahrhunderts ist er ein rächender Engel und sein eigener Weggefährte: gut ausgestattet, um den Scheinwerfern einer Schattenwelt voller Täuschungen auszuweichen, bevor die Infobots versuchen, die menschliche Psyche zu kon-trollieren.

Max Henry (dt. Übersetzung: Galerie Christian Nagel, Berlin)