HELL GETTE  🦅

03/09/2021 – 06/11/2021

Galerie Nagel Draxler
Elisenstraße 4–6
50667 Cologne

Opening / Eröffnung:
Freitag, 3. September 2021, 18 – 22 Uhr
Friday, September 3, 2021. 6pm – 10 pm

Special opening hours for DC Open:
Samstag, 4. September 2021, 11 – 20 Uhr
& Sonntag, 5. September 2021, 11 –18 Uhr
Saturady, September 4, 2021, 11 am – 8 pm
& Sunday, September 5 2021, 11am – 6pm

Öffnungszeiten / Opening hours:
Mittwoch - Freitag 11 - 18 Uhr, Samstag 11-16 Uhr
Wednesday - Friday 11am - 6pm, Saturday 11am - 4pm

Galeriebesuche sind immer gemäß der aktuellen Regeln der Landesregierung Nordrhein-Westfalen zur Eindämmung des Coronavirus möglich. / Gallery visits are always according to the current rules of the North Rhine-Westphalian State government for the containment of the Coronavirus possible.

Press Release

** please scroll down for english version**

Die Bodenheizung in der Wüste ist aufgedreht. Selbst die Hitze scheint zu schmelzen. Darin streckt sich ein Regenbogen lang aus und verabschiedet sich von seiner romantischen Krümmung. Die Bildwelten von Hell Gette sind Landschaftsmalereien von digitalen Erscheinungen, an Orten von Kindheit und Retro-Videospielen. Die Geisterheimsuchung materialisiert sich durch aktuelle Emojis. Die Gesichter und Zeichen, die Geister und Dinge stehen für Gefühle, persönliche Hoch- und Tiefpunkte, Wirtschaftssysteme oder Sonne, Mond und Brandflammen - ultrahocherhitzt und homogenisiert, als Gettes „#Landschaft 3.0.“ - Ein transzendentales Photoshop-Nirwana, in klassischer Ölmalerei festgehalten.

Auf „#🌚🌝“ weinen der schwarze Mond und die gelbe Sonne, oder ist es eine verdunkelte Sonne und ein gelber Mond, die sich verliebt anschielen? Beide Kugelwesen schicken rote Laser-Blitze auf die Planetenoberfläche, vielleicht befeuern sie die brennenden Dollarscheine. In der Ferne liegen Berge und Backsteine. All das gehört zu Hell Gettes Naturgesetzen, überall herrschen Kausalitäten, die in ihren Welten der Logik von mythischen Pop-Landschaften auf fremden Planeten folgen.
Währenddessen brechen Vulkane aus, täglich, ständig, eine Grafikplatte im Loop. Zerstörung und Wiederaufbau dominieren das Geschehen auf „#🌚🌝“, wo die Steine backen. Die Folge daraus ist die Arbeit „#🌋“, hier agieren die Hand-Geister und tragen die Steine zu den ausbrechenden Vulkanen, um sie zu verschließen. Ob dieser Eingriff in die planetaren Naturgewalten gelingen wird, bleibt offen.
Auf „#📸🦅“ ist die Atmosphäre bereits rot, ausbrechen kann hier nichts mehr. In der Landschaft fließen abstrahierte Berge wie Flüsse in Bögen nach oben, die Wolken bringen keinen Regen, sondern sind lediglich Formspuren von digitalen Pinselwerkzeugen. Die Regentropfen bleiben ein virtuelles Phänomen, in Öl werden sie zum Andachtsbild der Fata Morgana 3.0.
Auf „#🕊“ und „#🕊🦇“ wird der Regenbogen zum Himmel ausgedehnt, der Teufel kreist im Wasser, die Vulkane zischen wieder. Keine Backsteine. Dafür eine dichte Collagen-Komposition, wie sie die Dadaisten noch mit Schere und Klebstoff anfertigten oder die Künstler der 80er und 90er Jahre mit dem Kopiergerät. Hell Gette greift zur Maus und klickt den Zauberstab und das Verlaufswerkzeug an. Woanders hält sie die Taste gedrückt, verzerrt die Figuren, malt mit dem runden Pinselzeichen oder benutzt die Radierer-Funktion um Elemente erscheinen und verschwinden zu lassen. Der halbtransparente Regenbogenverlauf auf „#🕊“ und „#🕊🦇“ verbirgt Palmen, ein stolzer Trick jedes veralteten Bildbearbeitungsprogrammes. Die Übersetzung in das klassischste Kunstmedium, die Ölmalerei, ist nicht nur ein Rückschritt in die Malerei, sondern auch ein Schritt nach vorne; aus der digitalen Kunst der Jahrtausendwende in einen ganz und gar zeitgenössischen Ansatz.
Das Virtuell-Glatte der originalen Emojis wird aufgebrochen, die virtuelle Oberfläche zerstört, denn Hell Gette bringt die haptische Farbmaterie ins Spiel. Speckig ist die Farbpaste der Emoji-Imitationen aufgetragen, Windungen und Dellen bestimmen ihr Relief.

Die Kompositionen der Landschaften, besonders in den Dreiecken der Berge und Vulkane, aber auch in den Vertikalen der Himmelsräume und Himmelselemente, erinnern an die abstrakten Landschaftsgemälde der Transcendental Painting Group (TPG), die in den 30er und 40er Jahren in New Mexiko malten. Zu ihnen gehörten Agnes Pelton oder auch Lawren Harris, sie alle verfolgten das TPG-Credo: „to carry painting beyond the appearance of the physical world through new concepts of space, color, light and design, to imaginative realms that are idealistic and spiritual.“ Auch sie ließen sich durch die Wüste inspirieren, die in der Nachkriegszeit als künstlerischer Ort ihren Durchbruch in der Land-Art-Bewegung erlebte. Heinz Mack oder Nancy Holt installierten ihre wichtigsten Arbeiten in der unendlichen Sandkulisse. Die Wüste birgt im Vergleich zu anderen Naturräumen besondere Qualitäten. Sie scheint außer Zeit und Raum zu stehen, der gleichförmige Sandboden, die Hitze und die Weite sind perfekt surreale Kulissen in denen alle Objekte und Figuren stets wie von einem Ufo abgeworfen erscheinen. Gleichzeitig erinnert die Wüste an die alten Ägypter, an Pharaonen und besonders an ihre Geister, die durch sie wanderten und aus Sandstürmen emporstiegen. Für Hell Gette steht die Wüste aber auch für sehr persönliche Erinnerungen. Ihre Kindheit verbrachte die Künstlerin in Kasachstan. Hitze und Wüste prägen das Land, Gette erinnert sich an einen Sommergarten mit Badewanne, Wassermelonen, Schildkröten und Weintrauben. Ihre Erzählungen lassen an Alice im Wunderland denken, nur eben in einer Wüsten-Version. Die gemaserten und gefleckten Bildpartien symbolisieren übrigens das Flirren der heißen Luft. In der hitzigen Atmosphäre sprechen das Greifbare und die Erinnerung eine digitale Sprache, übersetzt in Ölmalerei.

Wichtige Recherchezeit verbringt die Künstlerin beim Reisen. Vor neuen, fremden Landschaften fertigt Gette Aquarellstudien an, die sie später am Computer zu Vorlagen für neue Gemälde verarbeitet. Auch die Renaissance-Malerei und die darin entwickelte Luftperspektive inspirieren sie. Die Farbverläufe und Fernblässe der historischen Artefakte findet Gette in den Verlaufswerkzeugen von Photoshop und anderen Apps wieder. Ihre Räume werden wie Level von Videospielen angelegt, man will nach rechts und nach links hüpfen, daher stammt auch ihre Vorliebe für Dip-/ Triptychen, die den Bildraum ebenfalls nach beiden Seiten hin erweitern. In „#✖️✖️✖️“ wird das Triptychon durch die Hydra bestimmt, deren Köpfe und Leben sich in alle Richtungen schlängeln. Ein exotischer, popartiger Dschungel in dem nichts Geheuer bleibt. Der Okkultismus der digitalen Erscheinungen treibt auch hier sein hitziges Unwesen.

- Larissa Kikol

 

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The floor heating in the desert is turned up. Even the heat seems to melt, and a rainbow stretches and says goodbye to its romantic curvature. The visual world of Hell Gette are landscape paintings of digital apparitions, in places of childhood and retro-video games. The haunting of the ghosts materializes through topical emojis. The faces and signs, the ghosts and things stand for feelings, personal highs and lows, economic systems, or sun, moon, and fire flames - ultra-hyped and homogenized, as Gette's "#Landscape 3.0." - A transcendental Photoshop nirvana, captured in classic oil painting.

Are the black moon and the yellow sun crying on "#🌚🌝", or is it a darkened sun and a yellow moon squinting at each other in love? Both spherical beings are sending red laser flashes to the planet's surface, perhaps firing up the burning dollar bills. In the distance you find mountains and bricks. All this belongs to Hell Gette's laws of nature, causalities prevail everywhere, which are following the logic of mythical pop landscapes on alien planets in their own world.

Meanwhile, volcanoes erupt, daily, constantly, a graphic plate in the loop. Destruction and reconstruction dominate the action on "#🌚🌝", where the stones are baking. The consequence of this is the work "#🌋", here the hand-spirits act and carry the stones to the erupting volcanoes to close them. Whether this intervention in the planetary forces of nature will succeed remains open.

In "#📸🦅" the atmosphere is already red; nothing can break out. In this landscape, abstracted mountains move upward in arcs like rivers, the clouds do not bring rain, but are merely traces of shape from digital brush tools. The raindrops remain a virtual phenomenon - in oil they become the devotional image of Fata Morgana 3.0.

On "#🕊" and "#🕊🦇" the rainbow is extended to a sky, the devil circles in the water, the volcanoes hiss again. No bricks. Instead, a dense collage composition, as the Dadaists made with scissors and glue or the artists of the 80s and 90s with the copy machine. Hell Gette reaches for the mouse and clicks on the magic wand and the gradient tool.

Elsewhere, she holds down the key, distorts the figures, paints with the round brush mark, or uses the eraser function to make elements appear and disappear. The semi-transparent rainbow gradient on "#🕊" and "#🕊🦇" hides palm trees, a proud trick of any outdated image editing program. The translation into the most classic art medium, oil painting, is not only a step backwards in painting, but also a step forward, from digital art of the turn of the millennium into an entirely contemporary approach.

The virtual smoothness of the original emojis is broken up, the virtual surface destroyed, as Hell Gette brings the haptic material of color into play. The color paste of the emoji imitations is applied in a fatty way. Twists and dents determine their relief.

The compositions of the landscapes, especially in the triangles of mountains and volcanoes, but also in the verticals of the celestial spaces and elements of the sky, are reminiscent of the abstract landscape paintings of the Transcendental Painting Group (TPG), who painted in New Mexico in the 1930s and 1940s, for example artists like Agnes Pelton and Lawren Harris. They all pursued the TPG credo: "to carry painting beyond the appearance of the physical world through new concepts of space, color, light and design, to imaginative realms that are idealistic and spiritual". They were inspired by the desert as well, which in the post-war period experienced its breakthrough as an artistic location in the Land Art movement. Heinz Mack or Nancy Holt installed their most important works in the endless sandy scenery. Compared to other natural spaces, the desert holds special qualities. It seems to be out of time and space, the steady sandy ground, the heat, and the vastness are perfectly surreal sceneries in which all objects and figures always seem to be dropped from a UFO. At the same time, the desert is reminiscent of the ancient Egyptians, of pharaohs, and especially of their spirits who wandered through it and emerged from sandstorms. For Hell Gette, however, the desert also stands for very personal memories. The artist spent her childhood in Kazakhstan. Heat and desert characterize the country, Gette remembers a summer garden with a bathtub, watermelons, turtles, and grapes. Her stories are reminiscent of Alice in Wonderland, only in a desert version. Besides, the grained and spotted parts of the images symbolize the flickering of the hot air. In the heated atmosphere, the tangible and the memory are speaking a digital language, translated into oil painting.

The artist spends important research time while traveling. In front of new, foreign landscapes, Gette makes watercolor studies, which she later processes on the computer into templates for new paintings. Renaissance paintings and their developed aerial perspective are also a big inspiration. The color shades and distant fades of the historical artifacts are found by Gette in the gradient tools of Photoshop and other apps. Her spaces are laid out like levels of video games; you want to hop to the right and to the left. This is where her preference for dip/triptychs comes from, which also expand the pictorial space to both sides. In "#✖️✖️✖️", the triptych is defined by the hydra, its heads and lives snaking in all directions. An exotic, Pop Art-like jungle in which nothing remains sacred. The occultism of digital appearances is doing its heated mischief.

- Larissa Kikol